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Was ist Synästhesie? Formen, Ursachen und Tests

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Manche Menschen sehen Buchstaben in Farbe oder schmecken Musik. Was ist Synästhesie, wie häufig kommt sie vor, woher stammt sie und wie lässt sie sich zuverlässig nachweisen?

Frau am schwarzen Flügel, um ihre Hände schweben farbige Lichtschleier, darüber der Schriftzug Farben hören

Für die meisten Menschen ist ein A einfach ein Buchstabe. Für andere ist es rot, und zwar immer im selben Rot. Was ist Synästhesie? Kurz gesagt: Ein Reiz in einem Sinn löst zusätzlich eine Wahrnehmung in einem anderen Sinn oder einer anderen Kategorie aus. Das geschieht unwillkürlich, lässt sich nicht abschalten und bleibt über Jahre stabil.

Was ist Synästhesie genau?

Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Zusammenempfinden“. Synästhetinnen und Synästheten wissen dabei sehr wohl, dass die Zahl 5 auf dem Papier schwarz gedruckt ist. Die Farbe erscheint trotzdem, manchmal vor dem inneren Auge, manchmal wie über das Zeichen gelegt.

Zwei Merkmale unterscheiden echte Synästhesie von bloßen Assoziationen. Die Verknüpfungen sind sehr beständig: Wer mit sechs Jahren das Q als violett erlebt hat, sieht es als Erwachsener meist noch genauso. Und sie sind individuell. Zwei Synästheten ordnen demselben Buchstaben oft ganz unterschiedliche Farben zu.

Häufige Formen

Was ist Synästhesie im Alltag? Das hängt von der Form ab, und davon sind inzwischen Dutzende beschrieben. Drei tauchen in Studien besonders oft auf.

Graphem-Farb-Synästhesie

Buchstaben oder Ziffern lösen Farben aus. Diese Form ist am besten untersucht, auch weil sie sich gut messen lässt. Eng verwandt damit sind farbige Wochentage und Monate, die in Befragungen ebenfalls häufig genannt werden.

Ton-Farb-Synästhesie

Hier erzeugen Klänge, Musik oder Stimmen Farben und Formen. Manche sehen bei einer Sirene eine farbige Linie, andere erleben jeden Ton in einem eigenen Farbton. Umgangssprachlich heißt das oft Farbenhören.

Lexikalisch-gustatorische Synästhesie

Diese seltene Form verbindet Wörter mit Geschmäckern. Ein Name kann nach Schokolade schmecken, ein anderes Wort nach Seife. Julia Simner und Jamie Ward zeigten 2006 in der Fachzeitschrift Nature, dass der Geschmack schon auftreten kann, wenn Betroffenen ein Wort auf der Zunge liegt, sie es aber noch nicht aussprechen können. Der Auslöser ist also die Bedeutung des Wortes, nicht allein sein Klang.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Lange galt Synästhesie als große Rarität, ältere Schätzungen gingen von einem Fall unter mehreren Hundert bis Tausend Menschen aus. Systematische Untersuchungen zeichnen ein anderes Bild. Die Arbeitsgruppe um Julia Simner testete 2006 in Großbritannien rund 1.690 Personen und fand bei 4,4 Prozent mindestens eine der untersuchten Formen. Graphem-Farb-Synästhesie lag je nach Definition bei etwa 1 bis 2 Prozent. Viele Betroffene erfahren erst als Jugendliche oder Erwachsene, dass andere ihre Welt nicht genauso erleben.

Ursachen: Gehirn und Gene

Synästhesie tritt in manchen Familien gehäuft auf. Ein Team des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik und der Universität Cambridge untersuchte 2018 das Erbgut von drei Familien, in denen über mehrere Generationen hinweg Töne Farben auslösen. Die genetischen Varianten unterschieden sich von Familie zu Familie. Auffällig war aber ein gemeinsamer Nenner: Betroffen waren vor allem Gene, die steuern, wie Nervenzellen ihre Fortsätze ausbilden und Verbindungen knüpfen. Diese Gene werden in der frühen Kindheit aktiv, also in dem Alter, in dem Synästhesie meist entsteht. Das passt zur verbreiteten Annahme, dass im Gehirn von Synästheten bestimmte Areale stärker miteinander vernetzt sind. Ein einzelnes „Synästhesie-Gen“ gibt es nach heutigem Stand nicht.

Angeborene Synästhesie ist keine Krankheit und muss nicht behandelt werden. Anders liegt der Fall, wenn solche Sinnesverknüpfungen im Erwachsenenalter plötzlich neu auftreten, etwa zusammen mit Sehstörungen oder Kopfschmerzen. Dann sollte man das ärztlich abklären lassen.

Wie man Synästhesie testet

Weil sich subjektive Erlebnisse schwer überprüfen lassen, setzt die Forschung auf Beständigkeit. Das bekannteste Werkzeug ist die Synesthesia Battery, ein Online-Test, den David Eagleman und Kollegen 2007 vorstellten. Dabei wird jedes Zeichen mehrfach in zufälliger Reihenfolge gezeigt, und man wählt jedes Mal die passende Farbe auf einer Farbpalette. Synästheten treffen fast immer denselben Farbton. Wer rät oder sich nur an Assoziationen erinnert, weicht deutlich stärker ab. Als Grenze gilt ein Abweichungswert unter 1,0. Eine Validierungsstudie von 2015 hält auch einen etwas großzügigeren Wert für brauchbar.

Bekannte Fälle

Der Schriftsteller Vladimir Nabokov beschreibt in seiner Autobiografie „Erinnerung, sprich“ ausführlich seine farbigen Buchstaben. Als Kind beklagte er sich bei seiner Mutter, die Farben seiner Buchstabenklötze seien falsch. Sie verstand ihn sofort, denn sie erlebte selbst Farben bei Buchstaben und Musik.

Wissenschaftlich besonders gut dokumentiert ist der Fall der Schweizer Blockflötistin Elisabeth Sulser. Forscher der Universität Zürich um Lutz Jäncke berichteten 2005 in Nature, dass sie musikalische Intervalle schmeckt: Eine kleine Terz schmeckt für sie salzig, eine Quinte wie klares Wasser. Zusätzlich sieht sie Töne als Farben. Im Experiment bestimmte sie Intervalle schneller als andere Musiker, wenn man ihr den passenden Geschmack auf die Zunge gab. Ein unpassender Geschmack bremste sie dagegen. Wer die Details nachlesen möchte, kann die Studie jetzt im Original lesen.

Häufige Fragen

Was ist Synästhesie in einfachen Worten?

Ein Sinneseindruck löst automatisch einen zweiten aus, zum Beispiel sieht man bei Musik Farben oder bei Buchstaben bestimmte Farbtöne. Die Zuordnung bleibt ein Leben lang weitgehend gleich.

Kann man Synästhesie lernen?

Die angeborene Form nicht. Sie entsteht in der Kindheit von selbst, und die beteiligten Gene sind gerade in dieser Lebensphase aktiv. Wer sich Farben zu Buchstaben bewusst einprägt, erlebt sie deshalb noch nicht unwillkürlich.

Ist Synästhesie erblich?

Sie kommt in Familien gehäuft vor, und Erbgutanalysen haben passende Genvarianten gefunden. Ein einzelnes verantwortliches Gen ist aber nicht bekannt, in verschiedenen Familien spielen verschiedene Varianten eine Rolle.

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