Die Welt als Oberfläche und Klang

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Die Frühförderung blinder Kinder ist durch den geplanten Verkauf des Landesblindenzentrums in Gefahr. Die Sprache der Blinden ist anders. „Horch mal!“, ruft das Mädchen, und „Fühl mal!“ Dagegen kommt „Guck mal“ in ihrem Wortschatz nicht vor. Wie andere Zweijährige auch, will Raika ihrer Mutter mitteilen, wenn sie etwas Interessantes entdeckt hat. Doch anders als die Altersgenossen, kann das Kind die Dinge schon von Geburt an nicht sehen. Keiner weiß, warum Raikas Sehnerven defekt sind. Klar ist, dass Gehör, Tast- und Geruchssinn besonders gestärkt werden müssen, um das Fehlen des Augenlichts auszugleichen.

 

Alle zwei Wochen kommt deshalb Hans-Joachim Wesemann vom Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB) vorbei. Das Zentrum in Hannover übernimmt die vorschulische Hilfe für Blinde und hochgradig Sehbehinderte in ganz Niedersachsen, mit Außenstellen in Leer und Osnabrück. Die Frühförderung versucht die Kinder, zurzeit 164, auf ein möglichst selbständiges Leben vorzubereiten. Noch ist das jedenfalls so – Fachleute befürchten, dass sie auf der Strecke bleibt, wenn sich das Land wie geplant vom LBZB trennt und dieses womöglich auf verschiedene Träger aufgeteilt wird.

An diesem Morgen hat Wesemann Klangsäckchen mit nach Rethem (Kreis Soltau-Fallingbostel) gebracht. Der 50-Jährige lässt das Kind hellen und dunklen, lauten und leisen Töne lauschen. Anschließend soll Raika, die schon „rechts“ und „links“ unterscheiden kann, die raschelnden, klingenden und glucksenden Säckchen einzeln zurückgeben und so wieder Ordnung schaffen. ,,Das Aufräumen ist für Blinde besonders wichtig, damit sie sich in der Welt zurechtfinden“, sagt der Pädagoge.

Die Zweijährige in Rethem hat neben dem Klang längst andere Arten des Zurechtfindens erkundet. Begeistert ertastet sie die Oberflächen von Spielfiguren mit Fingern und Zehen. Die „Bilderbücher“, die ihre Mutter aus flauschigen und struppigen Stoffen gebastelt hat, verbindet die Kleine mit Geschichten, die sie mit überdurchschnittlichem Wortschatz erzählt.

Nicole Burfien hat mit dem Buch eine Anregung des Blindenfrühförderers aufgegriffen. „Er bringt immer so schöne Sachen mit“, erzählt die gelernte Malerin. Seine Besuche alle zwei Wochen seien eine wichtige Ergänzung zu denen der Lebenshilfe und der Krankengymnastin.

Gegenüber Raika benutzt Nicole Burfien Worte, die das Mädchen versteht: kalt, glatt, hart, schwer. Stolz führt die Mutter vor, wie sich ihre Tochter zuhause orientieren kann: Auf ihrem Schoß am Schlagzeug findet Raika mit den Stöcken problemlos Pauke und Trommel, schlägt rhythmisch im Takt – und lacht dabei fröhlich.

Viele blinde Kinder haben es schwerer. Die Möglichkeit, etliche Wochen zu früh Geborene am Leben zu halten, hat die Zahl der Mehrfachbehinderten wachsen lassen. Nach Angaben des Sozialministeriums in Hannover besuchen zurzeit 30 „nur“ blinde Kinder die Schule des LBZB, halb so viele wie vor fünf Jahren. 88 Schüler sind mehrfachbehindert.

Zu dieser größeren Schülergruppe wird vom kommenden Sommer an Michaela gehören. Blindenlehrer Wesemann besucht sie an diesem Tag im heilpädagogischen Kindergarten in Altencelle. Er bringt Leuchtstäbe und anderes Förderspielzeug mit. Michaela muss er im Rollstuhl in den Dunkelraum schieben. Die Fünfjährige kann weder laufen noch sprechen noch eigenhändig essen. Einen Lichtblick gibt es indes, seit Wesemann das Mädchen fördert. „Sie reagiert auf starke Lichtreize“, erzählt der Lehrer. „Das hatte keiner geglaubt.“

Viele Eltern blinder Kinder fürchten, dass bei einem Trägerwechsel des LBZB, wie er im Sozialministerium diskutiert wird, diese Form der Frühförderung unter den Tisch fällt. Rechtlich wäre die Aufgabe, wenn sich ihr sonst keiner annimmt, von den Kommunen zu übernehmen. „Unsere speziell ausgebildeten Blindenlehrer können aber besonders gezielt arbeiten“, meint LBZB-Leiterin Mechthild Backsmann. Das Ministerium beteuert, die Vorschulförderung für Blinde bleibe erhalten. „Es wäre eine Bedingung des Landes, dass ein neuer Träger das in gleicher Weise weiterführt“, sagt Sprecher Jens Flosdorff.

Raika hat die Förderung schon weitergebracht. Sie kann bald in Rethem einen integrativen Kindergarten und später wohl eine normale Schule besuchen.

Geschrieben von Gabriele Schulte

Quelle: www.haz.de Weitere Top News unter www.shortnews.stern.de

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