Deutschlands so genannte Schulreformen und die Ergebnisse von ''Pisa 2''

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Schock nach Ansage. Deutschland erwartungsgemäß wieder nur Mittemaß. Diesmal haben wochenlange mediale Vordiskussionen den Schock bereits verarbeitet, bevor er gestern nun endlich wieder ausgeteilt wurde. So stieß er auf eine Art besonnener Gefasstheit, eine Mischung aus Beschwichtigung und Abwehr. Und es ist sehr fraglich, ob diese Haltung sachdienlicher sein wird als die hysterischen und durchweg heuchlerischen Kassandrarufe im Gefolge der ersten Pisastudie.

 

Ein Experten-Berg gebiert eine Erkenntnis-Maus, nun schon zum zweiten Mal: Individuelle Förderung sei wünschenswert, kleine Gruppen seien Erfolg versprechender als große, das Lernen in Projektgruppen würde das Erfassen von Zusammenhängen schulen, die Vorstellungskraft ansprechen und Motivation fördern; vulgo: Spaß machen. Und, man glaubt es kaum, es klingt sogar, als stünde die Wiederentdeckung des sozialen Lernens bevor. Wenn Kinder einander helfen - das bringts. +

Was für ein Aufwand. Man hätte eigentlich nur ein paar erfahrene Lehrer zu fragen brauchen, sich bei demotivierten Schülern und frustrierten Eltern umhören müssen. Und man müsste sich die Situation der Benachteiligten, der aufs Abstellgleis Hauptschule geschobenen Jugendlichen aus sozial schwachen, "bildungsfernen" Schichten und Einwanderer-Familien vergegenwärtigen, ihre Nöte und ihre Perspektivlosigkeit ernstnehmen. Statt aber sehr konkret nachzufragen und - wie etwa Polen - schnell und flexibel zu verändern, was sich nicht bewährt, sieht es so aus, als würde auch die peinliche Bildungsmisere nun von Euro-Bürokraten verwaltet beziehungsweise zu den so oft im Munde geführten Bildungs-Standards modelliert werden. Die nun freilich sind der größtmögliche Gegensatz zu den zart keimenden Individualisierungsansätzen.

Besonders unter den derzeit herrschenden ökonomischen Rahmenbedingungen ist zu befürchten, dass eher der bürokratische Normierungswahn fortschreiten wird als dass die Lust an der persönlichen Motivation obsiegt. Zu sehr ist der Prozess der Elitenbildung gedanklich und institutionell fortgeschritten, als dass er nun gutwillig einfach gestoppt werden könnte. De facto finden wir uns in einer Situation, in der die scheinheilig und halbherzig bekämpfte auffällige Benachteiligung von Kindern sozial und wirtschaftlich wenig begünstigter Herkunft längst beschlossene (wenn auch hartnäckig geleugnete) Sache ist. Was in den Kindergärten und Schulen beginnt, setzt sich nämlich an den Universitäten und im gesellschaftlichen "Leitbild" fort: Eliten auszubilden ist parteiübergreifend das erklärte oberste Ziel - und nicht eine breite Mitte zu gestalten.

Elitebildung aber ohne Massenabschiebung der nur "Zweitklasssigen" ist kaum möglich. Für zehn Prozent Premium League, für den Rest Schnellbleiche. So sieht, wenn es nach den Vordenkern geht, die neue Welt der hochgerühmten europäischen Bildungszukunft in Wirklichkeit aus. Man braucht bloß ein wenig auf die Subtexte zu achten und sie kritisch weiterzudenken. Möglichst frühzeitig zu motivieren heißt, roh übersetzt, in Begabte und Minderbegabte zu selektieren. Mindeststandards durchzusetzen heißt im Bildungstechnokratenjargon unterm Strich nichts anderes als Bildung immer schneller, dünner, einförmiger und an die Erfordernisse der Industrie angepasst zu produzieren.

Und wenn von Verwertbarkeit und Praxisbezug die Rede ist, tut man gut daran, an die Nutzen-Kosten-Rechnungen der Global Player zu denken. So klingen die Rütlischwüre auf den diversen Bildungsgipfeln hohl, wenn man weiß, was und wie in den Gremien geplant wird. Die Gelder werden in die Königsklasse investiert, Profil, Kompetition, Exzellenz heißen die erklärten Ziele. Der Rest wird nicht lebenslang lernen, sondern lebenslang intellektuell ruhig gestellt - die Einlull-Medien tun das ihrige.

Dazu passt, dass, wer solches ausspricht, als ideologiegetönt und kulturpessimistisch abgehakt wird. Längst hat das deutsche Bildungssystem seine eigentliche Stärke: Auf möglichst breiter Basis möglichst viele eigenständig denkende und empfindende Menschen auszubilden und zu erziehen, aus dem Auge verloren. Stattdessen plappert man den 08/15-Klischees einer politisch und wirtschaftlich gewollten Bildungsinternationale hinterher, die eher zu einer Brave-New-World-Mentalität als zu persönlicher und demokratischer Kompetenz führen wird. Schließlich ist auch das Bildungsgewerbe ein Geschäft geworden, das seine Funktionäre gut nährt, derweil die Pisa-Rhetorik zu einer Art Kultur-Esperanto degeneriert.

Wie anders könnte man verstehen, dass sich in Politik und Fachverbänden spürbar intellektuelle Minderleister mit schöner Selbstverständlichkeit als Vordenker profilieren und plumpe Strategien als Königswege verkünden. Wie wär's mit einer Art Pisa-Supplement: Um einmal die Leistungsfähigkeit der Verantwortlichen und Amtsträger einer Prüfung zu unterziehen.

Quelle: www.dradio.de , geschrieben von Cornelie Ueding

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